Gemeinsamkeiten alttürkischer Schrift und Runen

Haben die sogenannten türkischen „Runen“ in Sibirien und der Mongolei wirklich „nichts“ mit den „germanischen“ in Mittel- und Nordeuropa gemeinsam?

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Der eurasische Steppengürtel (hellblau), Bild: Wikipedia.

Neuere Studien deuten auf die lange Vorgeschichte des Kulturaustauschs über den eurasischen Steppengürtel. Daher lässt sich grundsätzlich nach langfristigen Parallelen fragen. 1

Allerdings wurden die alttürkischen und „germanischen“ Inschriften bislang voneinander ferngehalten.

Die etablierte Forschung beschränkte sich bisher auf die Vermutung, dass die Schriften sich nur zufällig ähneln könnten, aufgrund derselben Schreibstoffe. Dabei wurden weitere Ähnlichkeiten und alternative Einflussfaktoren ohne Überprüfung außer Acht gelassen.

In Wahrheit sind wesentliche Merkmale gleich:

  • Die Schreibstoffe sind dieselben: Stein, Holz, Metall und Knochen.
  • Die Schriftzeichen sind dieselben oder ähnlich.
  • Die Schriftgestaltung ist ähnlich.
  • Die Schreibrichtungen sind variabel.
  • Der Gebrauch von Trennungszeichen ist unregelmäßig.
  • Die Verwendung von Stabreimen ist für beide Schriften typisch.
  • Der Inhalt und Kontext der Inschriften ist oft kultisch-religiös.

Schließlich haben die Schriften viel mehr gemeinsam als bekannt.

Zudem deuten mittelalterliche Einwanderungssagen sowie mythologische Parallelen auf den langen Austausch zwischen Sibirien und Europa. Somit ist die Annahme, dass die Schriften „nichts“ gemeinsam hätten, überholt.

Dadurch eröffnet sich ein ebenso vielversprechendes wie umwälzendes Forschungsfeld zum Vergleichen.

„germanische“ (links) und alttürkische (rechts) Inschrift, Bild: Mit freundlicher Genehmigung zusammengestellt von Çağıl Çayır aus Werken von D.O.G.A. (CC BY-SA 3.0) und Napil Bazılhan.
„germanische“ (links) und alttürkische (rechts) Holzstäbe mit Inschriften, Bild: Mit freundlicher Genehmigung zusammengestellt von Çağıl Çayır aus Werken von Odense City Museums, Martin Schmidt, Lennart Larsen (CC BY-SA) und dem Eremitage-Museum in St. Petersburg, Russland.
„germanische“ (links) und alttürkische (rechts) Denkmäler, Bild: Mit freundlicher Genehmigung zusammengestellt von Çağıl Çayır aus Werken von Gunnar Creutz (CC BY-SA 4.0), Svatava Moravcova (CC BY-SA 4.0), des GuidebookSweden (CC BY-SA 4.0) und Napil Bazılhan.
In dieser Gegenüberstellung ist die zum Teil variable Schreibrichtung zu berücksichtigen.

Titelbild: Zusammengestell von Çağıl Çayır aus Werken von Bengt Olof Åradsson, John-Björn Huber SHM, Skadinaujo, Achird, Sendelbach und Napil Bazılhan.

  1. Vgl. Fragner, Bert G., Kulturkontakt und Kulturtransfer entlang der Seidenstraße, Ein Langzeitphänomen der eurasischen Geschichte. Rede gehalten zum Dies Academicus der Otto-Friedrich-Universität Bamberg am 17. November 2000, ursprünglich in: Ruppert, Godehard (Hrsg.), Geisteswissenschaften im Profil : Reden zum Dies academicus [aus den Jahren 2000 – 2007] (Schriften der Otto-Friedrich-Universität Bamberg 1), Bamberg, 2008, Seite 67-84.